86 Prozent — eine Zahl, die Fragen aufwirft
Wenn ich in Gesprächen mit Produktleitern aus DACH-Industrieunternehmen die Aussage nenne, dass 86 Prozent der Produktlaunches, die mit Outcome-Driven Innovation vorbereitet wurden, erfolgreich sind, folgt regelmäßig dieselbe Reaktion: eine Mischung aus Skepsis und Neugier.
Die Skepsis ist berechtigt. In einer Branche, in der Marketing-Versprechen und Methodik-Hypes zur Grundausstattung gehören, ist eine Erfolgsquote von 86 Prozent eine außergewöhnliche Behauptung. Der Industriedurchschnitt für Produktlaunches liegt — je nach Studie und Definition — zwischen 17 und 40 Prozent Erfolgsquote.
Die Neugier ist ebenfalls berechtigt. Wenn es eine Methodik gibt, die die Erfolgswahrscheinlichkeit auf dieses Niveau hebt, ist das für jeden, der Verantwortung für Produktentwicklung trägt, hochrelevant.
Dieser Artikel stellt beides an: Er erklärt, woher die Zahl kommt, was sie misst, wo die Grenzen der Aussage liegen — und was sie konkret für Unternehmen bedeutet, die erwägen, ODI einzusetzen.
Woher kommt die Zahl? Die Evidenzgrundlage
Tony Ulwick und die die ODI-Praxis-Datenbasis
Die 86-Prozent-Zahl stammt von Tony Ulwick, dem Gründer von die ODI-Praxis und Entwickler von Outcome-Driven Innovation. Sie basiert auf der Auswertung von ODI-Projekten, die die ODI-Praxis über drei Jahrzehnte mit verschiedenen Unternehmenstypen und Branchen durchgeführt hat — von Medizintechnik über Konsumgüter bis zu industriellen Anlagen.
Die Vergleichsgröße: In derselben Zeitperiode liegt die Erfolgsquote von Produktinnovationen im Durchschnitt bei etwa 17 Prozent. Dieser Wert stammt aus verschiedenen unabhängigen Studien — darunter Forschungsarbeiten von Clayton Christensen (Harvad Business Review), McKinsey und dem Product Development and Management Association (PDMA).
Der Vergleich ist also: 17% durchschnittliche Erfolgsquote vs. 86% bei ODI-gestützten Launches. Das ist ein Faktor von fünf.
Was “Erfolg” in diesem Kontext bedeutet
Bevor man diese Zahl interpretiert, muss man verstehen, wie “Erfolg” definiert wird. In der ODI-Datenbasis gilt ein Produktlaunch als erfolgreich, wenn das Produkt die definierten Markt- und Umsatzziele innerhalb des geplanten Zeitraums erreicht.
Das ist eine konservative, geschäftliche Definition — keine Selbstaussage der Produktteams, keine Kundenzufriedenheitswerte, keine technischen Erfolgsmetriken. Ein Produkt, das technisch funktioniert, aber den Umsatz nicht erreicht, gilt als nicht erfolgreich.
Wichtig: Diese Definition ist nicht identisch mit “das Produkt wurde vom Markt gut aufgenommen.” Es geht um das Erreichen definierter Geschäftsziele — ein Messstab, der strenger ist als bloße Kundenakzeptanz.
Warum die ODI Erfolgsquote so hoch ist: Die methodischen Ursachen
Ursache 1: Der richtige Problem-Lösungs-Fit vor dem Start
Der häufigste Grund für das Scheitern von Produktlaunches ist nicht schlechte Execution. Es ist die Entwicklung von Produkten, die ein Problem lösen, das vom Markt nicht priorisiert wird — oder die ein priorisiertes Problem lösen, aber auf eine Weise, die Kunden bereits gut versorgt.
ODI löst dieses Problem strukturell, bevor die Produktentwicklung beginnt. Durch die quantitative Erhebung von Desired Outcomes — bewertet nach Wichtigkeit und aktuellem Erfüllungsgrad — identifiziert ODI präzise, welche Kundenbedürfnisse stark unterversorgt sind. Erst dann werden Produktkonzepte entwickelt.
Das ist der fundamentale Unterschied zu anderen Innovationsprozessen: ODI definiert den Zielbereich, bevor die Lösungsarbeit beginnt. Die meisten anderen Prozesse — Design Thinking, agile Produktentwicklung, klassisches Stage-Gate — setzen voraus, dass man bereits weiß, welches Problem man lösen will. Dieser Voraussetzung wird selten rigoros nachgegangen.
Ursache 2: Quantitative Priorisierung eliminiert Fehlinvestitionen
In einem typischen ODI-Projekt mit 50 bis 150 Outcomes haben vielleicht 15 bis 25 einen Opportunity Score über 10. Das bedeutet: Die große Mehrheit der Kundenbedürfnisse ist bereits ausreichend versorgt — oder wird als weniger wichtig eingestuft.
Dieser Befund ist strategisch wertvoll: Er zeigt, wo Investitionen sinnvoll sind — und wo nicht. Unternehmen, die ohne diesen Datensatz entwickeln, riskieren, Ressourcen in Features zu stecken, die Outcomes adressieren, die vom Markt bereits als gut versorgt betrachtet werden.
Die ODI Erfolgsquote ist auch eine Erfolgsquote von vermiedenen Fehlinvestitionen: Wenn klar ist, was nicht priorisiert werden soll, sinkt die Wahrscheinlichkeit, in die falsche Richtung zu entwickeln.
Ursache 3: Bedarfsbasierte Segmentierung trifft die richtigen Kunden
Klassische Produktstrategien adressieren einen “durchschnittlichen” Kunden — definiert durch demografische oder branchenspezifische Merkmale. In der Realität gibt es diesen Durchschnittskunden nicht.
ODI segmentiert Märkte nach unerfüllten Bedürfnissen: Welche Kundengruppen haben ähnliche Muster von Outcomes mit hohen Opportunity Scores? Diese Segmente sind strategisch homogen — sie haben dieselben Probleme, und sie sind bereit, für bessere Lösungen zu zahlen.
Wenn ein Produkt gezielt für ein solches Segment entwickelt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit der Marktakzeptanz erheblich. Das Produkt ist nicht für den Durchschnitt gebaut — es ist für eine präzise definierte Gruppe gebaut, die ein präzise definiertes Bedürfnis hat.
In einem Projekt mit einem deutschen Hersteller von Medizinprodukten hatten wir nach der quantitativen Phase drei klar definierte Kundensegmente. Das mittlere Segment hatte das größte Volumen, aber moderate Opportunity Scores. Das kleinste Segment — 18 Prozent der Kunden — hatte für fünf Outcomes Scores über 13. Wir haben die Produktstrategie auf dieses Segment ausgerichtet. Das Produkt war teurer als der Marktdurchschnitt, aber innerhalb von 18 Monaten nach Launch der meistverkaufte in seiner Kategorie in diesem Segment.
Ursache 4: Konzeptbewertung auf Basis von Daten statt Meinungen
Im ODI-Prozess werden Produktkonzepte nicht durch Komitees, Führungspräferenzen oder kreative Energie ausgewählt. Sie werden daran gemessen, wie viele unterversorgte Outcomes sie adressieren — und wie gut.
Dieser objektive Bewertungsmaßstab eliminiert zwei der häufigsten Fehlerquellen in der Konzeptbewertung: HiPPO-Entscheidungen (Highest Paid Person’s Opinion) und den Fokus auf technische Eleganz statt auf Kundennutzen.
Was die Zahl nicht bedeutet: Ehrliche Einschränkungen
Einschränkung 1: Die Datenbasis ist nicht unabhängig verifiziert
Die 86-Prozent-Zahl stammt von die ODI-Praxis — dem Unternehmen, das ODI entwickelt hat und vermarktet. Sie ist nicht durch eine unabhängige akademische Studie mit kontrollierten Vergleichsgruppen verifiziert.
Das schränkt die Aussagekraft ein. Eine unabhängige Metaanalyse von ODI-Projekten mit rigoros definierten Kontrollgruppen gibt es nicht. Die Zahl sollte deshalb als starkes Indiz, nicht als absoluter Beweis interpretiert werden.
Einschränkung 2: Survivorship Bias ist möglich
Es ist plausibel, dass Projekte, die mit ODI gestartet wurden, aber schon früh schlechte Ergebnisse zeigten, nicht als vollständige ODI-Projekte abgeschlossen wurden — und damit in der Erfolgsstatistik nicht auftauchen. Das wäre ein klassischer Survivorship Bias. widerspricht dieser Einschätzung: Auch Projekte, die keine klaren Wachstumschancen identifiziert haben, gelten methodisch als erfolgreich abgeschlossen — weil die Erkenntnis “kein Wachstum in diesem Marktsegment” selbst wertvolle Information ist.
Einschränkung 3: “ODI-Projekt” ist keine einheitliche Definition
Die Qualität eines ODI-Projekts hängt stark von der Sorgfalt der Jobdefinition, der Qualität der Interviews, der Korrektheit der Outcome-Formulierung und der Repräsentativität der quantitativen Befragung ab. Ein “ODI-Projekt”, das zentrale Schritte vereinfacht oder weglässt, ist kein vollständiges ODI-Projekt — auch wenn es diesen Namen trägt.
Die ODI Erfolgsquote gilt für vollständig und korrekt durchgeführte ODI-Projekte. Abgekürzte Versionen haben keine vergleichbare Erfolgsgarantie.
Info
Die 17-Prozent-Zahl: Was sie wirklich aussagt
Der Branchendurchschnitt im Kontext
Die Vergleichszahl von 17 Prozent Innovationserfolg ist selbst komplex. Sie stammt aus verschiedenen Quellen, die “Erfolg” unterschiedlich definieren — und verschiedene Produktkategorien, Branchen und Unternehmensphasen einschließen.
Clayton Christensen schätzte in “The Innovator’s Dilemma”, dass weniger als 25 Prozent aller Produktlaunches die definierten Umsatz- und Wachstumsziele erreichen. McKinsey-Daten zu Produktlaunches in konsumnahen Bereichen kommen auf ähnliche Werte. PDMA-Studien zu formalen NPD-Projekten (New Product Development) zeigen Erfolgsquoten von 20 bis 35 Prozent — je nach Branche und Definition.
Was alle diese Zahlen gemeinsam haben: Der Großteil der Ressourcen, die in Produktentwicklung investiert werden, produziert keine Marktserfolge. Das ist keine Kritik an Produktteams — es ist eine strukturelle Eigenschaft von Innovationsprozessen, die ohne belastbare Kundendaten operieren.
Was das für DACH-Unternehmen bedeutet
Für einen deutschen Maschinenbauer, der 20 Millionen Euro in die Entwicklung einer neuen Produktgeneration investiert, und der mit dem Branchendurchschnitt opereriert: Statistisch gesehen sind 17 Prozent dieser Investitionen erfolgreich. Das sind 3,4 Millionen Euro, die den beabsichtigten Markterfolg erzeugen. 16,6 Millionen Euro gehen in die falsche Richtung.
Diese Zahlen sind grob — in der Realität ist die Verteilung komplexer. Aber die Grundaussage bleibt: Ohne strukturierte Kundendaten sind Fehlinvestitionen in der Produktentwicklung strukturell wahrscheinlich.
Evidenz aus der Praxis: Fallbeispiele
Johnson & Johnson — Cordis Corporation
Einer der meistzitierten Belege für ODI ist die Cordis Corporation, ein Herzschrittmacher-Hersteller, der zur Johnson & Johnson Gruppe gehörte. In den frühen 1990er Jahren war Cordis in einem harten Wettbewerbsmarkt unter Druck. Tony Ulwick führte ein ODI-Projekt durch — damals noch unter dem Namen “Outcome-Based Approach.”
Das Ergebnis: Cordis identifizierte unterversorgte Outcomes bei Kardiologen, die Herzschrittmacher platzierten. Das Unternehmen entwickelte auf dieser Basis eine neue Produktlinie und steigerte seinen Marktanteil von 1,8 auf 20 Prozent innerhalb von wenigen Jahren. Das Produkt wurde als klinischer Durchbruch in seiner Kategorie betrachtet.
Microsoft und die Xbox
Weniger bekannt: Microsoft nutzte ODI-Methodik in der frühen Entwicklungsphase der ersten Xbox-Spielkonsole. Die quantitative Analyse der Bedürfnisse von Core-Gamern identifizierte spezifische Outcomes, die von bestehenden Konsolen nicht adressiert wurden. Die Xbox-Entwicklung fokussierte auf diese Outcomes — und die Konsole wurde ein kommerzieller Erfolg, der Microsoft dauerhaft im Gaming-Markt etablierte.
B2B-Industriebeispiele aus dem DACH-Raum
Unsere eigenen Erfahrungen mit Unternehmen wie Liebherr, B.Braun und Palfinger — die alle ODI-Projekte durchgeführt haben oder laufend durchführen — bestätigen das Muster: Der entscheidende Wert liegt nicht immer im Produktlaunch selbst, sondern auch in der Erkenntnis, welche Entwicklungsprojekte gestoppt oder neu ausgerichtet werden sollten.
In einem Projekt mit einem österreichischen Industrieunternehmen zeigte die ODI-Analyse, dass zwei der vier geplanten Produktentwicklungen Outcomes adressierten, die bereits gut versorgt waren. Das Investment in diese beiden Projekte wurde gestoppt — eine Entscheidung, die auf Basis der Daten innerhalb von zwei Wochen getroffen werden konnte, statt nach 18 Monaten Entwicklungsarbeit durch Marktergebnisse belegt zu werden.
Die ODI Erfolgsquote als Entscheidungsgrundlage
Wann lohnt sich ODI?
Die Frage, die sich aus der Diskussion über ODI Erfolgsquoten ergibt, ist nicht akademisch. Sie ist: Lohnt sich der Aufwand eines vollständigen ODI-Projekts für unser Unternehmen?
Die Antwort hängt von mehreren Faktoren ab:
Entwicklungskosten: Je höher die Entwicklungskosten eines neuen Produkts, desto relevanter ist die Risikoreduzierung durch ODI. Ein Produktentwicklungsprojekt mit einem Budget von 500.000 Euro profitiert anders von ODI als eines mit 15 Millionen Euro.
Marktdynamik: In Märkten mit langen Produktlebenszyklen (Maschinenbau, Medizintechnik, Fahrzeugtechnik) hat eine Fehlentscheidung 5 bis 15 Jahre Konsequenz. In Märkten mit kurzen Iterationszyklen kann man schneller korrigieren — ODI bleibt relevant, aber der Zeithorizont der Entscheidung ändert sich.
Markttransparenz: Je undurchsichtiger der Markt — je weniger Klarheit über tatsächliche Kundenbedürfnisse besteht — desto wertvoller ist die ODI-Forschung.
Wettbewerbsintensität: In gesättigten, wettbewerbsintensiven Märkten ist die Fähigkeit, unterversorgte Segmente zu identifizieren und gezielt anzusprechen, ein konkreter Differenzierungsvorteil.
Für die Grundlagen von ODI und die Schritte des ODI-Prozesses stehen weitere Ressourcen zur Verfügung.
Häufig gestellte Fragen
Fazit: Was die 86 Prozent für Sie bedeuten
Die ODI Erfolgsquote von 86 Prozent ist kein Marketingversprechen, das man unkritisch übernehmen sollte. Sie ist ein Datenpunkt, der eine methodische Grundhypothese stützt: Produktentwicklung, die auf quantifizierten, repräsentativen Kundenbedürfnissen basiert, ist erheblich erfolgreicher als Produktentwicklung, die auf Annahmen, Intuition oder Einzelkundenfeedback basiert.
Für Unternehmen, die Millionen in Produktentwicklung investieren, ist diese Hypothese relevant. Nicht als garantierte Aussage, sondern als belastbares Argument dafür, die Grundlage von Produktentscheidungen zu hinterfragen.
Die Alternative — Entwicklungsprojekte auf Basis von internem Konsens, Vertriebsfeedback und technologischer Machbarkeit zu starten — hat eine bekannte Fehlerquote. Die ODI-basierte Alternative hat eine deutlich bessere Track Record.
Die Entscheidung, was das für Ihr Unternehmen bedeutet, liegt bei Ihnen.
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